Zu Gast im Café der guten Wünsche: Interview mit der Psychologin und Autorin Dr. Eva Wlodarek:

 

 

(Dr. phil. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin, Referentin und Coach mit Schwerpunkt Persönlichkeit und Charisma. Ihre Ratgeberbücher sind Bestseller und wurden in 7 Sprachen übersetzt. Weitere Infos unter www.wlodarek.de)

Foto: (c)Katrin Saalfrank

 

Liebe Frau Wlodarek, Sie sind Psychologin und schreiben Ratgeberbücher, auch darüber wie man seine Wünsche und Ziele zu verwirklichen kann– dazu gehört ja auch die Liebe.

 Julia, die Heldin meines Romans „Das Café der guten Wünsche“ sehnt sich seit Jahren danach, ihre verschollene Urlaubsliebe Jean wieder zu finden, um für den Rest des Lebens gemeinsam glücklich zu werden. Was denken Sie, wenn sich jemand jahrelang etwas wünscht, ohne wirklich aktiv zu werden?

 

 Das kann verschiedene Gründe haben. Oft steckt die Angst dahinter, dass man am Ende enttäuscht sein könnte, wenn sich der Wunsch tatsächlich erfüllt. Oder man traut sich einfach nicht zu, das Gewünschte mit eigener Anstrengung zu erreichen.

 

-Was kann hinter dem Festhalten an utopischen Wünschen stecken?

 

 Meist sind Träume und Wünsche viel schöner als die aktuelle Wirklichkeit. So lange wir an unserem Wunsch festhalten, haben wir immer noch die Hoffnung, dass er sich eines Tages erfüllt. Er stellt eine Art Leitstern zu einem besseren Leben dar. Diese Vorstellung gibt man natürlich ungern auf. Wenn man allerdings nicht nur träumt, sondern sich beharrlich um die Erfüllung bemüht, kann einen dieser Leitstern auch ans Ziel bringen.

 

-Julia und ihre Freundinnen glauben, dass ihre Gedanken die Wirklichkeit beeinflussen. Was wir wünschen, erwarten und denken, bekommen wir – in irgendeiner Form. Das ist Julias Credo, inspiriert durch Marcelle Auclairs Buch „Auch Du kannst glücklich sein“[1]. Beobachten Sie bei Ihrer Arbeit, dass Menschen das anziehen, was sie denken?

 

 Es gibt den schönen Satz: „Gedanken werden Dinge“. Wir haben es gewiss nicht in der Hand, per Fantasie alles magisch herbeizuzaubern, aber unsere Gedanken beeinflussen unsere Gefühle und unser Handeln – und das wirkt sich auf unserer Erlebnisse aus. In diesem Sinne ziehen wir durchaus an, was wir denken. Das kann jeder in seiner Umgebung beobachten, zum Beispiel, dass Pessimisten tatsächlich eher Pech haben oder großzügige Menschen oft selbst reichlich beschenkt werden. 

 

- Im „Café der guten Wünsche“ wird jedem nur das Beste gewünscht und jeder Gedanke an die dunkle Seite der Welt möglichst vor der Tür gelassen. Ist es naiv und egoistisch sich angesichts des Leids in der Welt nur auf das Gute im Leben zu konzentrieren? (Mir ging es zum Beispiel während der Anschlagserien in den letzten Monaten öfter so, dass ich phasenweise die kostbare Zeit am Schreibtisch dazu genutzt habe, unzählige Artikel rund um den Terror zu lesen. Ich fühlte mich durch den Überfluss der Schreckensmeldungen und Abgründe vor allem gelähmt und unfähig, an Büchern zu schreiben, die das Traurige zwar nicht ausblenden, aber vor allem Freude machen sollen. Aber ist es wirklich für die Psyche besser, sich nur kurz zu informieren? Marcelle Auclair ist sogar so radikal, zu behaupten, dass jeder, der sich gedanklich mit Krieg und Leid beschäftigt, mit dafür verantwortlich ist.)

 

 Sich ständig mit schlimmen Ereignissen  zu beschäftigen, wie sie die Medien verbreiten, verstärkt die eigene Angst und kann depressiv machen. Das soll jedoch nicht dazu führen, dass wir uns in einen positiven Kokon einspinnen. Am besten schickt man die Schreckensmeldungen durch einen rationalen Filter: Kann ich konkret etwas tun - zum Beispiel spenden oder unterstützen? Kann ich etwas daraus lernen – etwa vorsichtiger zu sein oder vorzusorgen? Ist das nicht der Fall, sollte man sich der negativen Information bewusst verweigern. Konkret heißt das: Nachrichten abschalten, Zeitungsartikel nicht lesen, Gespräche darüber ablehnen.

 

-Die meisten von uns müssen ja nicht gleich die ganze Welt retten, sondern erst einmal ihr eigenes Leben auf die Reihe bekommen. Robert, Julias Gegenpart in dem Roman, erwartet fast nichts vom Leben und schon gar nicht von der Liebe. Hat jemand mit dieser Einstellung überhaupt die Chance auf die große Liebe? Oder bekommt man gerade auf Beziehungsebene das, was man erwartet? Oder gibt es auch immer wieder Menschen, die jemanden von ihren ungesunden Mustern heilen – einfach weil sie so sind, wie sie sind?

 

 Wer nichts mehr vom Leben oder der Liebe erwartet, hat meist schon in der Kindheit eine tiefe Enttäuschung erlebt. Daraus hat sich die Überzeugung entwickelt: Ich bekomme ja doch nicht, wonach ich mich sehne. Also wünsche ich es mir gar nicht erst. Trotzdem hofft man heimlich doch noch auf ein Wunder, in der Liebe etwa auf den Märchenprinzen  oder die –Prinzessin, die einen erlösen. Nur: Die kommen leider äußerst selten. Denn (siehe oben) unsere Gedanken bestimmen in Form von selbsterfüllender Prophezeiung, was uns geschieht.

 

- Und haben gute Wünsche, ausgesprochen oder nicht, aus Ihrer Sicht als Psychologin tatsächlich die Kraft, anderen Menschen zu helfen? (In dem wundervollen Roman „Gute Geister“ von Kathryn Stockett schreibt die schwarze Kinderfrau Minny ihre Wünsche für andere Menschen in eine Art persönliches Gebetbuch – und tatsächlich erfüllen sich ihre guten Wünsche für andere oft, während sie selbst ganz schön vom Schicksal gebeutelt ist.

 

 Anderen Menschen Gutes zu wünschen tut uns selbst gut. Es schenkt uns ein Gefühl von Fülle und Souveränität. Das sollte jeder einmal selbst ausprobieren. Dazu zählt auch, zu loben und Komplimente zu machen. Auf die Dauer kann das sogar unser eigenes Leben positiv verwandeln. Unser Unterbewusstsein unterscheidet nämlich nicht zwischen dem, was wir über andere und über uns selbst denken.

 

-Manchmal ändern genau die unerwarteten Zufälle das Leben zum Besseren. Sie schrieben einmal (wenn ich das richtig in Erinnerung habe), dass Sie als Pfarrerstochter immer auch noch an eine übernatürliche Komponente glauben, die das Leben bestimmt. Haben Sie einen Tipp, wie man offen dafür wird, die „sinnvollen Zufälle“ zu erkennen und zu nutzen?

 

 Der Psychologe C.G. Jung spricht von Synchronizität, wenn unerwartet zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten und sich miteinander verbinden lassen. Zum Beispiel, wenn wir uns mit einer wichtigen Frage herumplagen und plötzlich einen passenden Satz auf einem Werbeplakat lesen, der uns die Antwort gibt. Auf solche Zeichen sollten wir achten. Damit schulen wir unsere Intuition und vergrößern unsere Chancen, positive Zufälle zu entdecken und zu nutzen.

 

-Ausgerechnet der Rauswurf aus seiner Wohnung schenkt Robert die Chance, endlich aus seinem Zynismus zu erwachen. Es gibt mit Sicherheit schlimmere Schicksalsschläge – aber welcher Nutzen liegt in Ereignissen, die unser Leben erst mal durcheinander bringen?

 

 Wie das Sprichwort sagt: „Jedes Problem trägt ein Geschenk in der Hand.“ Man muss es allerdings auspacken und darf sich nicht nur als armes Opfer sehen. Krisen erweisen sich im Nachhinein oft als glücklich, weil sie uns aus unserer Komfortzone katapultieren. Wenn wir die Herausforderung annehmen und meistern, können wir nur gewinnen, zumindest Lebenserfahrung und Charakterstärke.

 

- Wie im echten Leben auch, stolpern die Protagonisten meines Romans vor allem über ihre eigenen Schwächen – was die Handlung natürlich vorantreibt. Perfekte Menschen sind schließlich langweilig. Aber es gibt Grenzen – was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Spielregeln, damit das Leben gelingt?

 

Hier sind drei, die sich als sehr wirksam herausgestellt haben:

 

1.      Gebe anderen zuerst, was du selbst haben möchtest: Anerkennung, Respekt, Liebe, Freundlichkeit. Es kommt zu dir zurück – wenn auch nicht unbedingt von den gleichen Personen.

 

2.      Wenn du leidest: Überlege, was du gerne anders hättest und handele entsprechend. Du hast mehr Möglichkeiten als du denkst.

 

3.      Vergiss nie, dass du einmalig bist. Niemand hat deine Kombination von Eigenschaften und Talenten. Grund genug, dass du dich selbst schätzt und dir die Aufgabe suchst, die am besten zu dir passt.

 

 

Herzlichen Dank und alles Gute, Daniela Nagel / Marie Adams

 


[1] Hier zuletzt in den 60ern erschienen, in Frankreich neu aufgelegt und ein Bestseller geworden. Marcelle Auclair hat die Zeitschrift Marie Claire gegründet, war Journalistin und hat außerdem Ratgeber geschrieben, die sich mit der Macht der Gedanken und dem Glauben beschäftigen. Aus heutiger Sicht klingen ihre Bücher sehr altmodisch, aber ich finde sie sehr inspirierend, zumal ich eins davon als Jugendliche selbst „zufällig“ auf dem Dachboden gefunden habe.